Adobe XD war lange Zeit eine feste Größe im UX-Design. Viele B2B-Teams haben damit Wireframes erstellt, Klick-Dummys gebaut und erste Ideen mit Kunden geteilt. Doch die Situation hat sich verändert: Adobe entwickelt XD nicht mehr aktiv weiter. Neue Funktionen sind kaum zu erwarten, während Anforderungen an Zusammenarbeit, Designsysteme und digitale Produktentwicklung deutlich gestiegen sind.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: „Wie gut kenne ich Adobe XD?“ Sondern: „Welches Tool unterstützt unsere Arbeitsweise heute und in den kommenden Jahren am besten?“
Für Unternehmen im B2B-Umfeld ist das besonders wichtig. UX-Design findet hier selten im stillen Kämmerlein statt. Produktmanagement, Vertrieb, Entwicklung, Marketing, Kunden und manchmal auch externe Agenturen müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das passende Werkzeug sollte daher nicht nur schöne Oberflächen ermöglichen, sondern Abstimmungen vereinfachen, Entscheidungen dokumentieren und Übergaben beschleunigen.
Warum sich der Wechsel von Adobe XD lohnt
Adobe XD funktioniert weiterhin für viele bestehende Projekte. Dateien lassen sich öffnen, Prototypen können teilweise weiter genutzt werden und eingespielte Teams müssen ihre Arbeitsweise nicht sofort ändern. Trotzdem entstehen bei einer langfristigen Nutzung einige Risiken.
- Es gibt kaum relevante neue Funktionen oder Innovationen.
- Integrationen in moderne Produktentwicklungsprozesse werden wichtiger.
- Zusammenarbeit in Echtzeit ist bei anderen Tools stärker ausgeprägt.
- Designsysteme und Entwickler-Workflows sind oft besser integriert.
- Die Suche nach neuen Mitarbeitern mit XD-Erfahrung wird schwieriger.
Das bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen sofort migrieren muss. Ein B2B-Anbieter mit umfangreichen XD-Beständen sollte zunächst prüfen, welche Dateien wirklich noch aktiv benötigt werden. Bei neuen Projekten ist ein Blick auf aktuelle Alternativen jedoch sinnvoll. Wer heute ein digitales Produkt startet und auf ein Werkzeug ohne klare Zukunftsperspektive setzt, spart möglicherweise kurzfristig Aufwand – und erzeugt später umso mehr.
Welche Kriterien im B2B-Umfeld wirklich zählen
Ein Toolvergleich sollte nicht bei der Frage enden, ob ein Programm moderne Buttons und Animationen anbietet. Entscheidend ist, wie gut das Werkzeug in den gesamten Geschäftsprozess passt.
- Zusammenarbeit: Können mehrere Personen gleichzeitig arbeiten und kommentieren?
- Prototyping: Lassen sich realistische Nutzerflüsse für komplexe B2B-Anwendungen abbilden?
- Designsysteme: Können Komponenten, Varianten und Standards zentral gepflegt werden?
- Übergabe an die Entwicklung: Erhalten Entwickler klare Informationen zu Abständen, Farben, Assets und Interaktionen?
- Datenschutz und Sicherheit: Wo werden Projektdaten gespeichert und welche Kontrollmöglichkeiten gibt es?
- Skalierbarkeit: Funktioniert das Tool auch mit mehreren Produktteams und großen Bibliotheken?
- Kosten: Wie entwickeln sich Lizenz- und Administrationskosten bei wachsender Nutzerzahl?
Gerade im B2B-Bereich ist außerdem die Komplexität ein wichtiger Faktor. Ein CRM, ein Maschinenportal oder eine Logistikplattform hat meist deutlich mehr Zustände und Rollen als eine einfache Marketing-Website. Das beste Tool ist daher nicht zwingend das mit der attraktivsten Startseite, sondern das, mit dem ein Team seine realen Anforderungen zuverlässig abbilden kann.
Figma: Der vielseitige Standard für kollaboratives UX-Design
Figma ist für viele Unternehmen die naheliegendste Adobe-XD-Alternative. Die browserbasierte Plattform hat die Zusammenarbeit im Design grundlegend verändert. Designer, Produktmanager, Entwickler und Kunden können gemeinsam an Dateien arbeiten, Kommentare hinterlassen und Änderungen direkt nachvollziehen.
Besonders stark ist Figma bei kollaborativen Prozessen. Ein Produktmanager muss nicht mehr auf einen Export warten, um Feedback zu geben. Ein Entwickler kann technische Fragen direkt am relevanten Element stellen. Und ein Kunde kann einen Prototypen im Browser öffnen, ohne eine spezielle Software zu installieren.
Zu den wichtigsten Funktionen gehören:
- UI-Design und interaktive Prototypen in einer Umgebung
- Gemeinsames Arbeiten in Echtzeit
- Komponenten, Varianten und umfangreiche Design Libraries
- Dev Mode für die Übergabe an Entwickler
- Plugins und Integrationen für zahlreiche Arbeitsabläufe
- Kommentare, Versionierung und Präsentationsfunktionen
Für B2B-Unternehmen ist Figma besonders interessant, wenn mehrere Teams oder Standorte beteiligt sind. Ein zentrales Designsystem kann als gemeinsame Quelle dienen. Das reduziert typische Diskussionen wie: „Welche Version des Buttons ist eigentlich aktuell?“
Die Nachteile liegen vor allem in der Abhängigkeit von einem Cloud-Anbieter. Unternehmen mit strengen Anforderungen an Datenhaltung, Compliance oder interne Netzwerke sollten die Sicherheits- und Enterprise-Funktionen sorgfältig prüfen. Auch die Lizenzkosten können mit vielen Beteiligten steigen. Für die meisten modernen Produktteams bleibt Figma dennoch die umfassendste Alternative zu Adobe XD.
Sketch: Stark für fokussierte Designteams im Apple-Umfeld
Sketch gehört zu den etablierten UX-Design-Werkzeugen und war lange Zeit ein wichtiger Wegbereiter für moderne Interface-Designs. Die Anwendung ist besonders bei Teams beliebt, die mit macOS arbeiten und großen Wert auf eine fokussierte, ausgereifte Designumgebung legen.
Sketch bietet leistungsfähige Funktionen für Screens, Komponenten, Prototypen und Designsysteme. Über den browserbasierten Workspace können Stakeholder Designs ansehen, kommentieren und inspizieren. Damit ist Sketch deutlich kollaborativer geworden als in seinen frühen Jahren.
Die Stärken liegen in einer klaren Benutzeroberfläche, stabilen Designfunktionen und einer guten Unterstützung für wiederverwendbare Komponenten. Für ein kleines oder mittleres Produktteam, das vollständig mit Apple-Geräten arbeitet, kann Sketch eine sehr angenehme Lösung sein.
Ein wichtiger Unterschied zu Figma: Die Desktop-Anwendung ist weiterhin zentral und auf macOS ausgerichtet. Für gemischte Teams mit Windows-Rechnern oder vielen externen Partnern kann das unpraktisch sein. Auch bei spontaner Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg wirkt Figma häufig unkomplizierter.
Sketch eignet sich damit vor allem für Unternehmen, die:
- ein überwiegend mit macOS arbeitendes UX-Team haben,
- eine fokussierte Designumgebung ohne unnötige Komplexität bevorzugen,
- ihre Dateien und Prozesse stärker kontrollieren möchten,
- nicht auf eine vollständig browserbasierte Arbeitsweise angewiesen sind.
Penpot: Open Source und interessant für datensensible Unternehmen
Penpot ist eine Open-Source-Alternative, die in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit gewonnen hat. Das Tool ist browserbasiert, unterstützt UI-Design und Prototyping und setzt auf offene Standards wie SVG und CSS.
Für B2B-Unternehmen ist vor allem die Möglichkeit zur Selbstverwaltung interessant. Penpot kann in bestimmten Szenarien selbst gehostet werden. Das schafft zusätzliche Kontrolle über Daten und Infrastruktur – ein wichtiger Punkt für Unternehmen aus regulierten Branchen, Behörden oder kritischen Industrien.
Ein weiterer Vorteil ist die Nähe zu offenen Webtechnologien. Entwickler können besser nachvollziehen, wie Designentscheidungen in CSS und im Browser umgesetzt werden. Für Teams, die Design und Entwicklung enger verzahnen möchten, ist das ein überzeugendes Argument.
Allerdings ist Penpot nicht in jeder Hinsicht so ausgereift oder umfangreich wie Figma. Manche Funktionen, Integrationen und Arbeitsabläufe müssen genauer geprüft werden. Auch die Einführung einer selbst gehosteten Lösung bringt Administrationsaufwand mit sich. Open Source bedeutet schließlich nicht automatisch „kostenlos und ohne Arbeit“ – diesen Irrtum habe ich in Projekten schon häufiger erlebt.
Penpot ist eine gute Wahl für Unternehmen, die:
- Datensouveränität und Selbsthosting hoch bewerten,
- offene Standards bevorzugen,
- technisch versierte Teams besitzen,
- bereit sind, die Plattform selbst zu betreiben oder genauer zu evaluieren.
Axure RP: Die Speziallösung für komplexe B2B-Prozesse
Nicht jede UX-Aufgabe besteht aus hübschen Screens und einfachen Klickpfaden. In vielen B2B-Anwendungen gibt es komplexe Formulare, Rollenmodelle, Berechnungen, Abhängigkeiten und Fehlerszenarien. Genau hier spielt Axure RP seine Stärken aus.
Mit Axure lassen sich sehr detaillierte und funktionale Prototypen erstellen. Variablen, Bedingungen, dynamische Panels und komplexe Interaktionen ermöglichen es, Geschäftslogik realistisch abzubilden. Das ist besonders hilfreich, wenn Stakeholder einen Prozess verstehen müssen, bevor die Entwicklung beginnt.
Ein Beispiel: Bei einer Software für industrielle Ersatzteilbestellungen hängt der nächste Schritt davon ab, welche Kundengruppe angemeldet ist, ob ein Produkt verfügbar ist und welche Lieferbedingungen gelten. Ein einfacher Klickprototyp würde diese Logik nur unzureichend zeigen. Axure kann solche Szenarien deutlich präziser simulieren.
Der Nachteil: Axure ist anspruchsvoller zu erlernen und wirkt im Vergleich zu Figma weniger leichtgewichtig. Für schnelle visuelle Entwürfe ist es oft überdimensioniert. Teams sollten daher klären, ob sie tatsächlich komplexe Logik prototypisch testen müssen oder ob ein einfacherer Workflow genügt.
Axure ist besonders geeignet für Enterprise-Software, interne Plattformen, Finanzanwendungen und Produkte mit vielen Geschäftsregeln. Als alleinige Lösung für jedes Designprojekt wäre es hingegen nicht zwingend die effizienteste Wahl.
Framer: Wenn Prototypen näher an echte Websites rücken
Framer richtet sich an Teams, die Designs nicht nur simulieren, sondern sehr schnell als realitätsnahe Web-Erlebnisse darstellen möchten. Das Tool verbindet visuelles Design, Prototyping und Funktionen für die Veröffentlichung von Websites.
Für Marketing- und Produktteams kann das attraktiv sein. Eine Landingpage, ein Kampagnenauftritt oder ein interaktiver Proof of Concept lässt sich vergleichsweise schnell umsetzen. Stakeholder sehen nicht nur statische Screens, sondern ein Erlebnis, das näher an einer echten Website liegt.
Im klassischen UX-Design für umfangreiche B2B-Anwendungen ist Framer jedoch nicht immer die erste Wahl. Bei komplexen Designsystemen, großen Produktteams oder tiefen Enterprise-Workflows sollte geprüft werden, ob die Plattform die organisatorischen Anforderungen ausreichend abdeckt.
Framer passt gut zu Unternehmen, die schnell Ideen validieren, digitale Marketingauftritte entwickeln oder Prototypen mit hoher visueller Qualität präsentieren möchten. Für ein vollständiges B2B-Produktdesign kann eine Kombination mit einem spezialisierten Tool sinnvoll sein.
UXPin und MockFlow: Weitere Alternativen mit anderem Schwerpunkt
UXPin verfolgt einen Ansatz, der Design und funktionale Komponenten stärker miteinander verbindet. Besonders interessant ist die Möglichkeit, Prototypen mit echten UI-Komponenten und Zuständen zu erstellen. Dadurch können Teams realistischer testen, wie sich ein Produkt später anfühlen soll.
Für größere Organisationen mit etablierten Designsystemen kann UXPin eine gute Option sein. Die Plattform ist allerdings erklärungsbedürftiger und sollte anhand eines konkreten Projekts getestet werden. Ein zweistündiger Praxistest sagt hier mehr als zehn Produktpräsentationen.
MockFlow ist dagegen stärker auf schnelle Wireframes, User Flows und frühe Konzeptphasen ausgerichtet. Wer zunächst Strukturen diskutieren möchte, ohne sich in Farben, Abständen und Pixeln zu verlieren, findet dort einen pragmatischen Ansatz. Für vollständige High-Fidelity-Designs und komplexe Designsysteme reicht der Funktionsumfang möglicherweise nicht aus.
Welche Adobe-XD-Alternative passt zu welchem Unternehmen?
Die richtige Entscheidung hängt weniger vom Markttrend als vom eigenen Arbeitsmodell ab. Eine einfache Orientierung kann helfen:
- Figma: Für kollaborative, verteilte Teams und umfassende Produktentwicklung.
- Sketch: Für fokussierte macOS-Teams mit klaren Designprozessen.
- Penpot: Für Unternehmen mit hohen Anforderungen an Offenheit, Datenschutz und Selbsthosting.
- Axure RP: Für komplexe Anwendungen mit vielen Regeln, Rollen und Zuständen.
- Framer: Für schnelle, visuell starke Websites und realitätsnahe Web-Prototypen.
- UXPin: Für Teams, die Designsysteme und funktionale Komponenten eng verbinden möchten.
- MockFlow: Für frühe Wireframes, User Flows und schnelle Konzeptdiskussionen.
Wichtig ist, nicht nur die Designer zu fragen. Auch Entwickler, Produktverantwortliche, Vertrieb und Kundenservice sollten einbezogen werden. Ein Tool kann aus Sicht des UX-Teams hervorragend sein und trotzdem den Übergang in die Entwicklung erschweren.
So gelingt der Wechsel ohne unnötiges Risiko
Ein kompletter Wechsel auf Knopfdruck ist selten sinnvoll. Besser ist ein kontrollierter Pilot. Wählen Sie ein neues Projekt mit überschaubarem Umfang, aber realen Anforderungen. Ein Dummy-Projekt zeigt meist nur, ob die Oberfläche sympathisch wirkt. Ein echtes Projekt zeigt, ob Zusammenarbeit, Freigaben und Übergaben funktionieren.
- Bestandsprojekte und aktive XD-Dateien erfassen
- Designsysteme, Komponenten und Assets priorisieren
- Zwei oder drei Alternativen anhand eines realen Anwendungsfalls testen
- Entwickler und externe Stakeholder früh einbeziehen
- Datenschutz, Rollen, Zugriffsrechte und Aufbewahrung prüfen
- Schulungs- und Migrationsaufwand realistisch kalkulieren
- Eine verbindliche Entscheidung für neue Projekte treffen
Bei der Migration sollte nicht jede alte Datei perfekt nachgebaut werden. Oft ist es effizienter, wichtige Standards neu aufzusetzen und nur aktive Screens zu übertragen. Ein veraltetes Designsystem eins zu eins zu kopieren, konserviert schließlich auch alte Probleme.
Mein pragmatischer Rat an B2B-Teams lautet: Testen Sie Figma als erste Referenz, prüfen Sie Penpot bei hohen Anforderungen an Datensouveränität und ziehen Sie Axure oder UXPin hinzu, wenn Ihre Prozesse besonders komplex sind. Sketch und Framer können je nach Teamstruktur und Einsatzgebiet die bessere Speziallösung sein.
Adobe XD hat seinen Platz in der Geschichte des UX-Designs verdient. Für neue B2B-Projekte sollte der Blick jedoch nach vorn gehen. Entscheidend ist nicht, welches Tool die längste Funktionsliste besitzt. Entscheidend ist, ob Menschen damit schneller zu besseren Entscheidungen kommen – gemeinsam, nachvollziehbar und mit einem Ergebnis, das Kunden tatsächlich weiterhilft.