Vor ein paar Jahren saß ich mit einem IT-Leiter eines mittelständischen Industriebetriebs in einem Meetingraum voller Flipcharts. Auf einem stand groß: „Digitalisierung – 47 offene Projekte“. Darunter ein kleiner Kommentar in Rot: „…und 5 Entwickler“.
Wenn Ihnen dieses Bild bekannt vorkommt, sind Low-Code- und No-Code-Plattformen wahrscheinlich kein Hype-Thema mehr, sondern eine sehr konkrete Hoffnung. In vielen B2B-Unternehmen stauen sich digitale Vorhaben, weil IT-Ressourcen knapp sind, Fachbereiche ungeduldig werden und klassische Softwareprojekte zu lange dauern.
Genau hier setzen Low-Code- und No-Code-Ansätze an: Sie versprechen, digitale Lösungen schneller zu liefern – und dabei die IT zu entlasten, statt sie zu überfahren.
Was Low-Code und No-Code im Kern wirklich sind
Bevor wir über Strategien sprechen, eine kurze Klarstellung – ohne Marketing-Blabla.
Low-Code bedeutet: Anwendungen werden überwiegend visuell zusammengesetzt (per Drag & Drop, Konfiguration, Bausteine), aber es gibt immer noch die Möglichkeit, eigenen Code zu ergänzen – zum Beispiel für komplexe Logik oder Integrationen.
No-Code bedeutet: Anwendungen werden komplett ohne klassische Programmierung erstellt. Fachanwender arbeiten mit Formularbaukästen, Workflows, vorgefertigten Integrationen und Regeln, meist über eine sehr nutzerfreundliche Oberfläche.
Entscheidend ist nicht die Wortklauberei zwischen „low“ und „no“, sondern was sich dadurch in der Praxis ändert:
- Prototypen und kleine Anwendungen entstehen in Tagen statt in Monaten.
- Fachbereiche können selbst aktiv werden, statt jeden Änderungswunsch als Ticket in die IT zu schieben.
- Die IT kann sich auf Architektur, Sicherheit und komplexe Kernsysteme konzentrieren.
Oder anders: Low-Code/No-Code sind keine Zauberstäbe, aber sehr gute Hebel, um begrenzte IT-Ressourcen sinnvoll zu verstärken.
Warum Low-Code/No-Code gerade im B2B spannend ist
Im B2B-Umfeld gibt es einige typische Rahmenbedingungen, die Low-Code-Ansätze besonders attraktiv machen:
- Viele Spezialprozesse: Angebotskonfiguration, Service-Abwicklung, Reklamationsmanagement, Wartungsplanung – Standardsoftware deckt oft nur 70–80 % ab.
- Hoher Integrationsbedarf: ERP, CRM, MES, PLM, Drittsysteme der Kunden – die Praxis sieht selten „aus dem Katalog“ aus.
- Begrenzte Budgets und Teams: Mittelstand heißt oft: starke Fachbereiche, schlanke IT.
- Steigender Digitaldruck: Kunden erwarten Portale, Self-Services, digitale Dokumentation – und zwar gestern.
Low-Code/No-Code schließt hier eine Lücke zwischen „Excel-Bastellösungen“ und „großem IT-Projekt“.
Ich sehe in Projekten immer wieder den gleichen Effekt: Wenn Fachbereiche erstmals erleben, dass ihre Idee innerhalb von zwei Wochen als klickbarer Prototyp vorliegt, verändert sich das Mindset. Statt „IT als Bremsklotz“ entsteht „gemeinsam schnell bauen“.
Typische Einsatzszenarien im B2B – wo sich der Einstieg lohnt
Nicht jeder Prozess eignet sich für Low-Code – aber es gibt einige „Sweet Spots“, die fast in jedem B2B-Unternehmen zu finden sind.
1. Angebots- und Auftragsprozesse
In vielen Unternehmen laufen Angebotsfreigaben oder Sonderkonditionen noch über E-Mails und Excel-Listen.
- Einfacher Workflow für Angebotsfreigaben, mit digitaler Dokumentation.
- Konfiguratoren für wiederkehrende Angebote (z.B. Services, Wartungspakete).
- Selbstbedienungsportale für Vertriebspartner, die Standardangebote selbst generieren.
Ein Maschinenbauer, den ich begleitet habe, konnte den Zeitraum von der Angebotsanfrage bis zum freigegebenen Angebot um rund 30 % reduzieren – allein durch einen Low-Code-Workflow, der Excel und E-Mail-Ketten ersetzt hat.
2. Service- und Reklamationsmanagement
Gerade im After-Sales liegen oft große Potenziale:
- Digitale Reklamationserfassung über Webformulare oder Portale.
- Automatisierte Zuweisung an verantwortliche Teams, inklusive SLA-Tracking.
- Integration mit bestehenden CRM- oder Ticket-Systemen.
No-Code-Plattformen ermöglichen es Serviceteams, eigene Formulare, Dashboards und Auswertungen zu bauen, ohne jedes Mal die IT anzurufen.
3. Interne Verwaltungsprozesse
Reiseanträge, Genehmigungen, Bestellfreigaben, Onboarding neuer Mitarbeiter – all das sind Prozesse, die selten strategisch sind, aber viel Zeit kosten.
Low-Code/No-Code eignet sich hervorragend, um diese Abläufe zu digitalisieren und zu standardisieren, ohne lange Pflichtenhefte zu schreiben.
4. Kunden- und Partnerportale
Viele B2B-Unternehmen wollen „irgendetwas Portalartiges“ bieten, scheitern aber an Budget und IT-Kapazität.
Mit Low-Code lassen sich schrittweise Portale aufbauen, z.B. zunächst nur:
- Download-Bereiche für Dokumentationen und Zertifikate,
- Self-Service für Adress- und Stammdatenpflege,
- Ticket-Erstellung für Serviceanfragen.
Später können diese Portale dann enger mit ERP/CRM verzahnt werden – ohne dass man gleich mit einem Millionenprojekt starten muss.
Wie Low-Code/No-Code die IT entlastet – wenn man es richtig aufsetzt
Ein häufiger Reflex in IT-Abteilungen lautet: „No-Code? Dann basteln die Fachbereiche uns doch das ganze System kaputt.“ Die Sorge ist verständlich – Schatten-IT lässt grüßen.
Der Schlüssel liegt darin, Low-Code/No-Code nicht als parallele IT-Welt zu sehen, sondern als Teil der Unternehmens-IT.
Rollen klar definieren
- Fachbereiche übernehmen Verantwortung für Prozesse, Inhalte und Usability. Sie bauen einfache Anwendungen und Prototypen selbst.
- IT übernimmt Verantwortung für Plattformauswahl, Architektur, Sicherheit, Integration und Governance.
- „Citizen Developer“ (Power User in den Fachbereichen) werden gezielt geschult und begleitet.
In einem B2B-Handelsunternehmen, das ich beraten habe, wurden gezielt fünf Kollegen aus Vertrieb, Service und Logistik zu Citizen Developern aufgebaut. Die IT definierte Leitplanken und unterstützte bei Integrationen. Ergebnis nach zwölf Monaten: über 20 produktiv genutzte Micro-Anwendungen und Workflows – ohne eine einzige zusätzliche Entwicklerstelle.
IT-Fokus verschieben
Durch Low-Code/No-Code kann sich die IT stärker auf hochkomplexe Themen konzentrieren:
- Integration mit ERP, CRM und Kernsystemen,
- Sicherheits- und Zugriffsmodelle,
- Datenqualität und Stammdatenmanagement,
- übergreifende Architektur und Plattformbetrieb.
Die kleinteilige Anpassung von Formularen, Workflows oder Oberflächen geht hingegen schneller und teilweise direkt im Fachbereich.
Grenzen und Risiken – was Low-Code/No-Code nicht leisten sollte
So verlockend die Geschwindigkeit ist: Nicht jeder Prozess ist ein Kandidat für Low-Code. Drei Grenzen sehe ich immer wieder:
1. Hochkomplexe, performancekritische Kernprozesse
Wenn Ihr komplettes Geschäftsmodell an einem Prozess hängt (z.B. Echtzeit-Preisberechnung im Handel, hochkomplexe Produktionsplanung), ist eine individuell entwickelte, optimierte Lösung meist die bessere Wahl. Low-Code eignet sich hier eher für Ergänzungen, Monitoring-Apps oder begleitende Workflows.
2. Unscharfe Ownership
Gefährlich wird es, wenn Anwendungen entstehen, ohne dass klar ist:
- Wer ist fachlich verantwortlich?
- Wer kümmert sich um Wartung und Weiterentwicklung?
- Wie werden Änderungen dokumentiert?
Ohne klare Verantwortlichkeiten wird aus Low-Code schnell die nächste Generation von „kritischen Excel-Makros“, die niemand mehr versteht.
3. Sicherheits- und Compliance-Risiken
Spätestens bei personenbezogenen Daten, sensiblen Kundeninformationen oder regulatorischen Anforderungen darf nichts „heimlich“ gebaut werden. Plattformauswahl, Rechtekonzepte und Data Governance müssen zur Unternehmens-IT passen.
Die gute Nachricht: Moderne Low-Code/No-Code-Plattformen bieten oft sehr ausgereifte Sicherheits- und Governance-Funktionen – man muss sie nur konsequent konfigurieren.
Schritt für Schritt einführen – ohne das Unternehmen zu überrollen
Wer Low-Code/No-Code im B2B einführen will, steht schnell vor der Frage: „Wo fangen wir an?“ Hier ein pragmatischer Weg, der sich in der Praxis bewährt hat.
Mit einem klar umrissenen Pilotbereich starten
Wählen Sie einen Prozess, der folgende Kriterien erfüllt:
- überschaubare Komplexität,
- klarer Prozess-Owner im Fachbereich,
- spürbarer Schmerz (z.B. viel Excel/E-Mail, hohe Durchlaufzeiten),
- überschaubares Risiko, falls etwas schiefgeht.
Typische Kandidaten: Genehmigungsprozesse im Vertrieb, Service-Tickets, interne Antragsprozesse.
Cross-funktionales Team bilden
Setzen Sie von Anfang an Fachbereich und IT an einen Tisch. Ein erfahrener Low-Code-Entwickler oder externer Partner kann den Start deutlich beschleunigen. Ziel: In 4–8 Wochen eine erste produktive Lösung – keine perfekte, aber eine nutzbare.
Früh Nutzern Feedback ermöglichen
Der größte Vorteil von Low-Code ist die Möglichkeit, sehr schnell etwas Klickbares zu zeigen. Nutzen Sie das konsequent:
- Prototypen früh und offen mit Nutzern testen.
- Feedback-Schleifen kurz halten (Tage statt Monate).
- Verbesserungen iterativ nachschieben.
In einem Industrieunternehmen haben wir z.B. einen Reklamationsprozess in drei Ausbaustufen umgesetzt: Zuerst nur einfache Erfassung, dann Statusverfolgung, später Auswertungen und Integrationen. Jede Stufe ging produktiv, sobald sie „gut genug“ war.
Governance und Standards – damit aus Tempo kein Chaos wird
Der Unterschied zwischen „produktiver Low-Code-Strategie“ und „bunter Bastelwiese“ heißt Governance. Und keine Sorge: Das ist weniger bürokratisch, als es klingt.
Einheitliche Plattform(en) statt Wildwuchs
Vermeiden Sie, dass jede Abteilung ihre eigene Lieblingsplattform einführt. Definieren Sie 1–2 strategische Low-Code-/No-Code-Plattformen, die von der IT getragen werden. Kriterien können sein:
- gute Integrationsmöglichkeiten in Ihre Systemlandschaft,
- DSGVO- und Sicherheitskonformität,
- rollenbasierte Rechtevergabe und Governance-Funktionen,
- faire Lizenz- und Betriebskosten.
Spielregeln transparent machen
Definieren Sie einfache Leitplanken, z.B.:
- Welche Daten dürfen in Low-Code-Anwendungen verarbeitet werden – und welche nicht?
- Ab welcher Kritikalität muss die IT ein Projekt formell abnehmen?
- Wie werden neue Apps dokumentiert und versioniert?
Solche Regeln passen auf wenige Seiten – entscheidend ist, dass sie verstanden und gelebt werden.
Citizen Developer gezielt fördern
Statt Fachanwender nur zu „dulden“, sollten Sie sie aktiv stärken:
- Trainings und Sprechstunden anbieten,
- interne Communities aufbauen (z.B. monatliche Low-Code-Runden),
- Best Practices und wiederverwendbare Bausteine bereitstellen.
In einigen Unternehmen, die Low-Code erfolgreich einsetzen, gibt es eine kleine interne „Enablement-Einheit“, die Fachbereiche bei ihren ersten Anwendungen begleitet. Der Effekt: hohe Geschwindigkeit, ohne Kontrollverlust.
Was sich kulturell verändert, wenn Low-Code ernst genommen wird
Low-Code/No-Code ist nicht nur eine Tool-Frage, sondern auch ein Kulturthema. Drei Beobachtungen aus Projekten:
1. Fachbereiche denken stärker in digitalen Prozessen
Wenn Fachbereiche selbst „Hand anlegen“ können, steigt das Verständnis für Prozessdesign, Datenqualität und Nutzerführung. Aus „IT soll mal“ wird „wie können wir das gemeinsam gestalten?“
2. IT wird mehr zum Enabler als zum Gatekeeper
Statt hauptsächlich Anfragen zu priorisieren und abzuwehren, kann die IT gestalten: Plattformen bereitstellen, Standards definieren, unterstützen. Das verbessert erfahrungsgemäß auch das Verhältnis zwischen Fachbereich und IT deutlich.
3. Fehler werden früher sichtbar – und damit korrigierbar
In klassischen Projekten werden Probleme oft erst spät entdeckt – wenn viel Zeit und Geld geflossen sind. Mit Low-Code-Prototypen können Sie früh sehen: Funktioniert der Prozess so im Alltag? Werden die richtigen Daten erfasst? Das reduziert teure Fehlentwicklungen.
Wie Sie den nächsten sinnvollen Schritt identifizieren
Wenn Sie Low-Code/No-Code im B2B als Chance sehen, aber noch nicht sicher sind, wo Sie anfangen sollen, helfen drei einfache Fragen:
- Wo arbeiten heute Teams mit vielen manuellen, wiederkehrenden Tätigkeiten rund um Daten (Copy & Paste, Excel, E-Mail)?
- Wo klagen Kunden oder interne Stakeholder über langsame Durchlaufzeiten oder Intransparenz („Wir wissen nicht, wo der Vorgang gerade hängt“)?
- Wo würden Sie gerne etwas testen, trauen sich aber kein „großes IT-Projekt“ zu?
Genau dort ist Low-Code/No-Code oft der ideale Hebel: schnell, risikoarm, iterativ. Und falls Sie sich fragen, ob Ihre IT „das mitmacht“: Binden Sie sie früh ein und positionieren Sie Low-Code bewusst als Entlastung, nicht als Konkurrenz.
Die Unternehmen, die ich erlebe, die hier konsequent vorangehen, haben eines gemeinsam: Sie sehen Low-Code/No-Code nicht als Abkürzung, um IT zu umgehen, sondern als Werkzeug, um gemeinsam besser zu werden – schneller, flexibler, näher am Kunden.
